Drüben bei Frau Kaltmamsell gab es heute mal wieder einen Beitrag, der eine Erinnerungskaskade ausgelöst hat. Man hält die eigene Vergangenheit in der Regel für so banal, dass es niemanden interessiert, aber dank des Internets ist genug Platz für alle und alles, also schreib ich hier mal einfach so runter, was mir heute beim Lesen des verlinkten Textes durch den Kopf ging.
Aufgewachsen bin ich am Rande von Dresden, ein vor Jahrzehnten eingemeindeter Ortskern, es war quasi Dorf, aber mit Stadtanbindung. Best of both worlds. Keine Betonwüste, aber auch keine tote Hose. Als die Wende kam, war ich zwölf, ich glaube, ich habe diese Neuigkeit damals vor der Schule erfahren. "Schon gehört? Die Mauer in Berlin ist offen" - "Hm ja - oh, es ist Einlaß¹ ..." So bedeutend war das in diesem Moment, aber es soll eigentlich um die Zeit davor gehen. Dresden, müsst ihr wissen, liegt im Tal der Ahnungslosen. Dieser in der Wikipedia vermerkte und damit relevante Begriff steht für die Hardcore-Ossies, die sich noch nicht mal durch illegales Schauen der TV-Sender des imperialistischen Klassenfeindes so etwas wie eine ansatzweise eigene Meinung bilden konnten. Westfernsehen gab es nur im Urlaub, wenn man in günstigere Empfangsgebiete fuhr. Was man von drüben hörte, waren Gerüchte, mehr nicht, und insbesondere als Kind hatte man praktisch überhaupt keinen Plan. Man wusste, was man vom SED-Politbüro halt so eingeimpft bekam, dafür gab's die üblichen Propaganda-Blätter wie die Trommel. So richtig funktioniert hat das aber scheinbar nicht, eigentlich hätte wir Angst haben müssen - vor dem imperialistischen Klassenfeind, der hinter dem antifaschistischen Schutzwall lauerte. Und dann war der Schutzwall weg - hm ja. Oh, Sport fällt aus. War wichtiger. Was ich sagen will, es gab mindestens zwei Arten von Ossis: Die eine Mehrzahl, die am Tag des Mauerfalls vor ihren Mattscheiben saßen und im Westfernsehen den Mauerfall zeitnah mitbekamen - und die im Tal der Ahnungslosen. Da kam das später an, gedämpfter, unspektakulärer. Das waren wir. Insgesamt kam mir die DDR als Kind relativ unspektakulär vor, und insbesondere auch irgendwie anders als von anderen Ossis nachträglich berichtet. Wir lebten ruhig vor uns hin, vielleicht auch, weil unsere Eltern viel von uns fern hielten. Alles im nachhinein Merkwürdige war für uns schlicht normal. Es gab halt Westverwandtschaft, die wir selber nicht besuchen konnten, sondern nur unsere Großeltern durften hinfahren. Die Westbekanntschaft schickte auch relativ regelmäßig die berühmten Westpakete - Kaffee für die Geburtstagsfeiern, Schokolade und Matchbox-Autos für die Kinder, Rasierzeug für die Herren - sowas halt. Von Mangel an irgendwelchen Dingen habe ich nichts bemerkt, was aber wahrscheinlich im Nachhinein betrachtet an der recht guten Vernetzung unseres Umfeldes lag: Mutter war Verkäuferin im Konsum - Bananen waren uns sicher, wenn es denn mal welche gab. Der Onkel war Maurer - Baubedarf war gedeckt. Der Nachbar war einer der wenigen privaten Fleischer (der fuhr Wolga - der Mercedes unter den Ost-Autos) - wieder eine Quelle mehr. Alle Familien fuhren Trabi - EIN Auto pro Familie. Wir hatten spektakuläre Pannen mit unserem Trabi: Von einem hochgeschleuderten Stein zerschmetterte Windschutzscheibe, gebrochene Blattfedern - Ersatzteile waren kein Problem, Vater arbeitete im Ersatzteillager. Wochenlang auf Ersatzteile warten? Nicht bei uns. Nur ein Steak pro Nase? Das lohnt doch gar nicht! Stundenlang angestanden und wieder keine Bananen bekommen? Wer ansteht, hat eh schon verloren! Das Heimelektronik wie Fernseher und Kassettenlaufwerke mal so eben mehrere Monatsgehälter teuer war - ist halt so gewesen. Urlaub - auch so ein Ding. Der Trabi war langsam, Berlin war weit weg. Von Dresden zur Ostsee - als Kind eine gefühlte Weltreise. Das ist ja einmal durch die GANZE DDR! Und bei gefühlt jeder Urlaubsfahrt sind nach ein paar Kilometern Autobahn-Vollgas die Zündkerzen defekt gewesen - macht nix, Mutter hält die Taschenlampe, Vater wechselt die Zündkerzen auf dem Autobahnseitenstreifen. Einsteigen, weiter geht's über Betonplatten mit schönen dicken Fugen - bobomm bobomm bobomm - "Sind wir bald da?" "NEIN"². Und von der Munition, welche die Russen aus der nahe gelegenen Kaserne auch mal gern in der Pampa verloren haben, damit die dann von uns Kindern gefunden und fachmännisch zerlegt werden kann, darüber erzählen wir ein andermal, gelle? ¹ Keine Ahnung, ob das überall so war, aber es war damals üblich, dass man vor der Schule wartet und so eine viertel Stunde vor Stundenbeginn die Tür aufgeschlossen wurde und alle reingeströmt sind - Einlaß halt. Nicht auszudenken heute, wenn den Kindern da was passiert!!!² Hier wollte ich jetzt eigentlich ein schönes passendes Fragment aus Shrek2 verlinken - geht aber nicht, Rechtegeschichte, wissenschon. Falls bekannt, bitte jetzt vorstellen.


