Die letzte Bastion des klassischen Radios ist bei mir die Küche. Beim Kochen läuft eigentlich grundsätzlich ein Sender, in der Regel MDR Info (außer es läuft gerade mal wieder Fußball ^^). Letztes kam da ein Bericht über den momentanen Boom von Elektrofahrrädern. Der Inhalt grob aus dem Gedächtnis zitiert: Der TÜV oder eine andere Prüfstelle hat mit Elektrofahrrädern Crashtests durchgeführt und dabei bei angeblich mühelos zu erreichenden Geschwindigkeiten von über 40km/h ein tödliches Potential festgestellt. Nun bin ich selber aktiver Radfahrer (täglich insgesamt 10km Radstrecke quer durch Leipzig) und verfolge die technische und politische Entwicklung rund ums Radfahren am Rande. Der Trend zu Elektrofahrrädern ist mir natürlich nicht entgangen, entsprechend verwundert war ich. 40km/h? Alle mir bekannten Angebote (Werbung) und sonstigen Informationen waren sich in einem Punkt einig: Die Elektrounterstützung bei diesen aufgebohrten Fahrrädern erfolgt bis 25km/h, mehr nicht. Auch die Wikipedia sagt genau das gleiche. Wieso machen die Crashtests bei eigentlich völlig irrelevanten 40+km/h? Am Ende des Beitrags, quasi im Fazit, kam dann die Auflösung: Natürlich sind die Fahrräder bzw. deren Elektrounterstützung auf 25km/h begrenzt, aber es gäbe angeblich Anleitungen im Internet, wie man diese Beschränkungen umgehen kann. Das glaube ich jetzt mal ungeprüft, es spielt eigentlich keine Rolle. Heute stolpere ich bei der FAZ über einen Artikel, der quasi in die gleiche Bresche springt. Wieder werden irgendwelche 40km/h schnelle Elektrofahrräder bemüht, die rein rechtlich gesehen schlicht illegal sind, um irgendwelche Bedrohungs- bzw. Gefahrenszenarien zu konstruieren. Dann werden wild irgendwelche rechtliche Aktionen gefordert, neue Gesetze müssen her, um diesen kommenden Wahnsinn vorzubeugen usw. Was soll der Mist? Schön sind immer die Details in der Argumentationskette. Da wird z. B. angeführt, dass ein Autofahrer nicht mit so schnellen Radfahrern rechnen würde. Zitat: "Konnte bisher das Tempo eines älteren Menschen auf einem normalen Fahrrad realistischerweise auf etwa 15 km/h taxiert werden, kann er heute dank elektrischen „Rückenwinds“ schon mal mit 40 km/h heranrauschen." Wie soll ich mir einen solchen Autofahrer vorstellen, der einen Verkehrsteilnehmer nach seinem Äußeren einschätzt? "Oh, ein Renter mit Hut. Macht 15km/h" .... "Oh, ein Bugatti Veyron, 400km/h". Ein Autofahrer, der so urteilt, hat ganz andere Probleme. Überhaupt die angenommen Geschwindigkeiten. Ich bin wirklich kein sehr ambitionierter Fahrer, aber meine Reisegeschwindigkeit auf meinem Specialized Hardrock beträgt 25-30km/h, je nach Lust, Laune und Gegenwind, 40km/h sind bei einem Ampelsprint schnell mal erreicht. Mit solchen Geschwindigkeiten muss man als Autofahrer (der ich auch bin) bei einem Radfahrer rechnen! Und da haben wir noch nicht mal die Rennräder betrachtet ... Vermutlich ist das wieder so ein deutsches Mentalitätsding: Was neu ist, wird erst Mal auf Gefährlichkeit abgeklopft. Ist es nicht gefährlich genug, biegen wir die Wahrheit etwas: Wir modifizieren einfach die Elektrofahrräder, machen sie damit illegal, und schon sind sie gefährlich. Deutscher Qualitätsjournalismus - Panikmache in Reinkultur
